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RechtsRock-Konzertzahlen brechen in Thüringen aufgrund der Corona-Pandemie ein

2020 war das Jahr der pandemiebedingten Einschränkungen von Veranstaltungen. Diese Effekte sind ebenso bei der Thüringer RechtsRock-Szene sichtbar. Im zurückliegenden Jahr zählt MOBIT 19 extrem rechte Musikveranstaltungen in Thüringen. Versuche von Online-Konzerten sind die Ausnahme.

Noch 2018 (71 Veranstaltungen) und 2019 (65 Veranstaltungen) bewegten sich die RechtsRock-Konzertzahlen in Thüringen auf extrem hohem Niveau. Deutlich mehr als ein Konzert pro Woche. Der Freistaat hat sich in den letzten Jahren zu einem Kernland der neonazistischen Musik-Szene entwickelt. Dabei spielten auch RechtsRock-Großevents eine wichtige Rolle, ziehen diese doch teils mehrere tausend Teilnehmer:innen auf einmal an. Im vergangenen Jahr fanden keine RechtsRock-Großveranstaltungen in Thüringen statt. Gerade dieses Format erzielten in den letzten Jahren unübersehbare Öffentlichkeitswirkung. Deren Popularität und Erfolg in der extrem rechten Szene verringerte sich bereits in 2019 dank beharrlichem Engagements zivilgesellschaftlicher Gruppen, die den Großveranstaltungen in den letzten Jahren mit konsequenter Gegenwehr begegneten. Zudem hat sich bestätigt, dass klare politische Positionierung gegen rechts und aktive Nutzung behördlicher Möglichkeiten einen wichtigen und begrüßenswerten Beitrag leisten.

Der Großteil extrem rechter Musikveranstaltungen 2020 nahmen erneut Balladen- und Liederabende ein. Insgesamt mindestens 14 dieser Events fanden im zurückliegenden Jahr statt. Die vermeintlich harmlos klingende Genrebezeichnung dieser Unplugged-Konzerte täuscht über das enorme Potential zum Aufbau und der Pflege neonazistischer Netzwerke, geschäftlicher Interessen sowie zur Vermittlung menschenverachtender rechter Ideologie hinweg. Besonders auch der geringe Organisationsaufwand hat Liederabende in den vergangenen Jahren – auch bundesweit – zur dominierenden Veranstaltungsart der RechtsRock-Szene werden lassen. Hingegen fanden im vergangenen Jahr keinerlei klassische RechtsRock-Konzerte statt. Gemeint sind damit Veranstaltungen, bei denen eine oder mehrere Bands ein Konzert in einer der zahlreichen Szene-Immobilien spielen. Diese Veranstaltungsart machte in den vergangenen Jahren noch rund ein Drittel der Gesamtzahl aus.

Die langjährige Beobachtung der Thüringer RechtsRock-Musikszene zeigt, dass RechtsRock beispielsweise auch bei Anlässen wie Vortragsabenden, Demonstrationen oder Parteitagen eingesetzt wird, um hier Ideologievermittlung zu betreiben und ein Gemeinschaftsgefühl zu konstruieren. Solche Ereignisse zählt MOBIT seit 2020 als „sonstige Musikveranstaltung“. Davon fanden im vergangenen Jahr lediglich zwei statt. Dies dürfte auch damit zusammenhängen, dass insgesamt die Veranstaltungszahlen der Neonazi-Szene in Thüringen deutlich gesunken sind.

Nur vereinzelt wurde von Thüringer RechtsRock-Organisatoren der Versuch unternommen, das Konzerterlebnis durch Online-Varianten zu kompensieren. MOBIT zählte drei Online-Konzerte, welche in Thüringern aufgezeichnet und in Echtzeit auf Social-Media-Kanälen gestreamt wurden. Die gestreamten Konzerte waren dabei sämtlich Wohnzimmer-Konzerte und eine Mischung aus Gesprächen mit den Musikern und dem spielen von Musikstücken. Die Reichweite der Online-Konzerte mutet mit Zugriffszahlen um die 10.000 Aufrufe nach einigen Wochen vergleichsweise hoch an; insbesondere im Vergleich zu den Teilnehmenden-Zahlen an realen RechtsRock-Konzerten.

Doch schon ein Blick in das soziale Netzwerk Youtube zeigt, dass die hier hochgeladenen Songs ein vielfaches an Aufrufen generieren können. Online-Konzerte sind vielmehr als eine Reaktion einer lebendigen extrem rechten Musik-Szene auf die pandemiebedingten Einschränkungen zu verstehen und werden wohl auch in Zukunft eine Ausnahme bleiben. Zu sehr fehlen neben dem reinen Musikhören die weiteren Aspekte von RechtsRock-Veranstaltungen wie das Pflegen des identitätsstiftenden extrem rechten Lifestyles, die direkten Kommunikations- und Vernetzungsmöglichkeiten sowie finanzielle Einnahmen durch den Verkauf von Merchandising-Artikeln, Tonträgern und Eintrittszahlungen. Die Szene hat damit keinen wirklichen Ersatz für die ausgefallenen Konzerte gefunden und dürfte durch die zahlreichen Einnahmeverluste einen erheblichen Schaden erlitten haben.

Auch wenn die Anzahl der extrem rechten Musikveranstaltungen in Thüringen im Jahr 2020 merklich zurückging, bleibt die regionale extrem rechte Musikszene aktiv. Bands, Konzertveranstalter und Versandgeschäftebetreiber nutzen verstärkt die Möglichkeiten der Kund:innenansprache durch Messenger-Dienste und Social-Media-Plattformen. Die konzertlose Zeit wird zur Produktion von Alben, Sammlerboxen, special-Editions und Fan-Artikel aller Art genutzt, darunter auch Mund-Nasen-Bedeckungen. Hinzu kommt, dass im vergangenen Jahr weitere Funktionäre der bundesdeutschen RechtsRock-Szene und Versandhändler nach Thüringen gezogen sind. Damit konnten sich die Netzwerke im Freistaat weiter verstärken. Langfristig ist daher – jenseits der aktuellen Pandemiebedingungen – mit einem weiteren Erstarken der Aktivitäten der Neonazi-Szene zu rechnen. Thüringen gilt vielen Szene-Größen mittlerweile als sicherer Rückzugsraum.

Ein bitterer Rückschlag für alle Engagierten gegen menschenverachtende rechte Musik in Thüringen dürfte im November 2020 die Zahlung von €25.000 der Stadt Magdala an einen Konzertveranstalter darstellen, der der extrem rechten Bruderschaft „Turonen/Garde 20“ zuzurechnen ist. Grund war, dass im Jahr 2018, kurz vor einem durch die Gruppierung auf einem Feld bei Magdala organisierte Großveranstaltung, ein Betretungsverbot für den einzigen Weg zum Veranstaltungsort erlassen worden war. Im Zuge eines mehrjährigen Rechtsstreits zur Rechtmäßigkeit des Betretungsverbots, verbunden mit Schadenersatzforderungen des Konzertveranstalters, verpflichtete sich die Stadt im Rahmen eines gerichtlichen Vergleichs zur Zahlung eines Teilbetrags der Schadenersatzforderung.
Dennoch sind die kommunalen und behördlichen Maßnahmen gegen die menschenverachtenden Hasskonzerte ein wichtiger Aspekt zur deren Eindämmung.

Soweit die Pandemie-bedingten Maßnahmen bestehen bleiben, dürften auch 2021 deutlich weniger RechtsRock-Konzerte stattfinden. Die zentrale Bedeutung der Konzerte für die Szene kann durch eine Verlagerung in den Online-Bereich nicht ausgeglichen werden und bisher hat die RechtsRock-Szene keine relevanten Alternativen für die Ausfälle gefunden.