Allgemein Rechtsextremismus RechtsRock

100 RechtsRock-Konzerte – Thüringer Zahlen auf Rekordhoch

Für das Jahr 2025 zählt die Mobile Beratung in Thüringen insgesamt 100 extrem rechte Musikveranstaltungen. Damit hat sich die Anzahl im Vergleich zum Jahr 2024 (48) mehr als verdoppelt. Schwerpunkt dieser Entwicklung ist mit 63 Konzerten das Gasthaus „Eiserne Löwe“ des Neonazis Tommy Frenck in Brattendorf (Landkreis Hildburghausen).

Mit exakt 100 gezählten RechtsRock-Musikveranstaltungen wurde in Thüringen 2025 ein neuer Höchststand erreicht. Das bisherige Spitzenjahr 2018 (72 Konzerte) wurde damit um 40 Prozent übertroffen. Fast zwei Drittel davon (65) fanden im Landkreis Hildburghausen statt, davon 63 im „Gasthaus Eiserner Löwe“ in Brattendorf. Aber auch ohne diesen Veranstaltungsort hätte das vergangene Jahr leicht über dem langjährigen Durchschnitt gelegen.[1]

Der Jahresvergleich belegt den starken Zuwachs an Musikveranstaltungen.

Daneben belegen Erfurt und Gera mit jeweils sechs RechtsRock-Konzerten den gemeinsamen zweiten Platz im Ranking der Veranstaltungsorte. In Gera entfaltete der Neonazi Christian Klar zunehmende Aktivitäten, nachdem er Ende 2024 in den Bundesvorstand „Der Heimat“ gewählt worden war. So wandelte er sein Wohnhaus zur Parteizentrale um und veranstaltete dort mehrere Liederabende. Außerdem ist Klar auch für die erste öffentliche Großveranstaltung mit Konzertcharakter seit 2019 verantwortlich, die am 1. Mai 2025 in Gera stattfand. Dabei handelte es sich um eine Mischung aus Demonstration und RechtsRock-OpenAir. Auch wenn die Veranstaltung keinen genuinen Festivalcharakter aufwies, war sie mit rund 1.000 Teilnehmenden doch die größte ihrer Art.

Die neonazistischen Rapper "Proto" und "Kavalier" performen am 1. Mai 2025 in Gera auf der Bühne.
Die neonazistischen Rapper „Proto“ und „Kavalier“ performen am 1. Mai 2025 in Gera auf der Bühne.

Erfurt war indes in den letzten Jahren durch Metal-Konzerte im Klub „From Hell“ eine gewisse Konstante. MOBIT zählt hier seit Jahren zahlreiche Auftritte von Bands, deren Songs extrem rechte Texte aufweisen, die sich in Interviews entsprechend äußern oder die offen und wiederholt mit extrem rechter Symbolik spielen oder mit anderen einschlägigen Bands kooperieren.

Drei Konzerte pro Woche im „Eisernen Löwen“ Brattendorf

Hildburghausen war 2025 die Schwerpunktregion für RechtsRock-Konzerte. Während hier vor 2020 schon Großveranstaltungen mit Teilnehmendenzahlen von 1000-6000 Personen stattfanden, waren es 2025 eher „Liederabende“[2] vor übersichtlicher Publikumsgröße. Verantwortlich dafür ist der Neonazi Tommy Frenck. Seit der Eröffnung des von ihm betriebenen „Gasthaus Eiserner Löwe“ im September 2024 finden in dessen „Afrikakorps-Bar“ nahezu wöchentlich Konzerte statt. Zumeist führt Frenck an einem Wochenende von Freitag bis Sonntag drei Konzertveranstaltungen durch. Dies dürfte nicht zuletzt auch eine Möglichkeit sein, die auf maximal 50 Teilnehmende begrenzten Konzert-Veranstaltungen kommerziell ertragreicher zu gestalten. In diesem überschaubaren Rahmen haben Neonazis die Chance, ihren RechtsRock-Idolen bei Schnitzel und Bier besonders nah zu kommen. Frenck hat mit der Mischung aus Essen, Einkauf und Live-Musik eine neonazistische Erlebnisgastronomie geschaffen. So können bei dem geschäftstüchtigen Neonazi nicht nur die Tickets erworben werden, er versorgt während der Konzerte das Publikum in seiner Gaststätte, die Teilnehmenden haben gleichzeitig aber auch die Möglichkeit, in Frencks Neonazi-Kitsch-Shop, den er selbst als „Shopping Erlebnis in Tommys Warenhaus“ bezeichnet, einzukaufen. Eine umfassende neonazistische Konsum- und Erlebniswelt.

Kommerzielle Verkaufstechniken

In den letzten Jahren ist eine starke Inszenierung des Verkaufs vermeintlich exklusiver Tonträger zu beobachten. Allgemein kämpft auch die RechtsRock-Szene mit den frei zugänglichen Online-Plattformen, auf denen ihre Hassmusik kostenlos abrufbar ist. Daher soll die alternde RechtsRock-Szene mit limitierten Angeboten und Special-Editions alter Alben langjährig bekannter Bands zu immer neuen Käufen gelockt werden. Auch CD-Neuveröffentlichungen werden als Event vermarktet, bei dem anwesende Bandmitglieder und Autogramme zu den Verkaufszahlen beitragen sollen. So präsentierte die bekannte Band Sleipnir ihre von Frenck vertriebene musikalische Neuerscheinung im September zweimal hintereinander vor ausgewechseltem Publikum.

Behördenumgang mit RechtsRock

Offiziell wurden von staatlicher Seite für 2025 in Thüringen 80 Konzerte gezählt. Auch damit ist Thüringen schon deutschlandweit an der Spitze. Die unterschiedlichen Zahlen kommen auch deswegen zustande, weil zur Erfassung von Musik-Veranstaltungen verschiedene Kriterien angelegt werden. Für MOBIT muss Musik einen relevanten Teil einer extrem rechten Veranstaltung einnehmen, um erfasst zu werden. Gezählt werden beispielsweise auch neonazistische Trauermärsche, auf denen Liedermacher im Rahmen der Veranstaltung mehrere Musikstücke spielen. Damit erfüllt RechtsRock auch hier zentrale Funktionen, wie bei anderen Konzerten. Letztlich dürfte die Dunkelziffer nicht erfasster Veranstaltungen ohnehin noch einmal darüber liegen.

In den vorangegangenen Jahren lag die Anzahl verhinderter RechtsRock Konzerte in Thüringen stets im einstelligen Prozentbereich. Dass im vergangenen Jahr jedoch nur ein einziges Konzert durch die Polizei aufgelöst wurde, dürfte letztlich an der zunehmenden Rechtssicherheit der extrem rechten Veranstalter*innen liegen. Die Szene hat Wissen, Erfahrung und Routine in der legalen Anmeldung dieser Konzerte (Brattendorf) oder kennt Möglichkeiten zur Verschleierung bewusst geheim gehaltener Anlässe.

Aktualisierung des Begriffs „RechtsRock“

Der langjährig etablierte Fachbegriff „RechtsRock-Konzert“ ist heute erklärungsbedürftig geworden und MOBIT nutzt neben ihm auch immer wieder den zugegebenermaßen etwas bemüht klingenden Begriff „extrem rechte Musikveranstaltung“. Die Wurzeln des Begriffs „RechtsRock“ liegen zwischen den 1980ern und 1990er Jahren, in denen damit Rock-Konzerte von Neonazi-Skinheads griffig und verständlich beschrieben waren. Stilistisch wurde im weitesten Sinne Rockmusik mit rechten bis extrem rechten Texten von neonazistisch geprägten Musiker*innen live bei Konzerten gespielt. Bis heute zählt MOBIT daher ausschließlich Live-Auftritte bei denen die Umstände (Musiker*innen, Texte, Veranstaltungsorte und Publikum) insgesamt einen politischen Nutzen für extrem rechte Szenen und für extrem rechte Politik versprechen. Seither haben sich in der Szene aber sowohl die Musikstile als auch die Veranstaltungsformate deutlich diversifiziert: Als Aufwertung von politischen Versammlungen oder szenigen Gemeinschaftserlebnissen, Online-Konzerten während der Pandemie; es geschieht in einem kleineren, vertrauterem Umfeld auf Privatgrundstücken und wird seltener öffentlich beworben. Auch werden heute viel öfter andere Musikstile neben Rockmusik bedient – Metal, Pop, Party- und Schlagermusik, Singer/Songwriter oder Rap sind in der extrem rechten Szene gängig genutzte Stile. Das althergebrachte RechtsRock-Konzert in Sälen im ländlichen Raum oder bei früher in Thüringen regelmäßig veranstalteten Open-Air-Festivals sind nach der Covid19-Pandemie eher zur Seltenheit geworden. Der Begriff „RechtsRock“ ist daher heute eher als Sammelbegriff zu verstehen, der Musik konkludiert, die extrem rechte Inhalte verbreitet.

Ausblick 2026

Für das aktuelle Jahr kündigt sich bereits jetzt eine weitere Erhöhung der Konzertveranstaltungen in Brattendorf an. Waren im Jahr 2025 elf Konzerte in den ersten drei Monaten des Jahres angekündigt, sind es im ersten Quartal 2026 bereits 25.

Für Mitte März werden Auftritte der Neonazi-Band AMOK mit dem Frontmann Kevin G. aus der Schweiz erwartet. Eine Band, die dem internationalen Neonazi-Musik-Netzwerk „Blood- & Honour“ zugerechnet wird. Mehrmals hatten sich Mitglieder der Band vor Gericht zu verantworten – sei es für Drohungen, Körperverletzungsdelikte, illegalem Waffenbesitz bis hin zu einer Verurteilung wegen einer Todesdrohung in einem Liedtext gegenüber einem lokalen Politiker und Journalisten. Journalistische Recherchen und juristische Ermittlungen sprechen von engen Verbindungen nach Südthüringen und zu der  klandestinen Band „Erschießungskommando“. Letztere Band veröffentlichte 2016 ein Album, auf dem sich brutale Vernichtungsphantasien gegenüber politischen Gegner*innen samt einer Morddrohung gegen eine Thüringer Politikerin und einem weiteren Familienmitglied finden.

Kevin G. Gitarre spielend beim Auftritt der Band AMOK am 6. Mai 2017 im Rahmen des "Eichsfeldtages" der NPD in Leinefelde.
Kevin G. beim Auftritt der Band AMOK am 6. Mai 2017 im Rahmen des „Eichsfeldtages“ der NPD in Leinefelde.

Frenck kündigt zudem für das aktuelle Jahr an, sein erlebnisgastronomisches Angebot durch Übernachtungsmöglichkeiten weiter auszubauen. Die Sonderstellung der Szene-Immobilie in Brattendorf als ein bundesweit frequentiertes Zentrum extrem rechten bzw. neonazistischen Konzertgeschehens scheint damit weiter zu wachsen.


[1] Der Durchschnittswert der von MOBIT gezählten RechtsRock-Veranstaltungen lag Ende 2024 leicht über 35 Konzerten pro Jahr

[2] Gemeint sind Konzerte mit geringem technischen Aufwand: ein oder zwei Musiker singen und nutzen meist Akustik-Gitarren. Eine Verstärkung durch die Nutzung von Lautsprechern ist dabei dennoch häufig. Dargeboten werden oft Songs bekannter RechtsRock-Bands.