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RechtsRock in Thüringen 2017 – ein Rückblick

Das RechtsRock-Jahr in Zahlen

Das Jahr 2017 war im Hinblick auf die neonazistische bzw. extrem rechte Konzertkultur in Thüringen ein Jahr der Höchststände – sowohl die Gesamtzahl, als auch die Zahlen in den einzelnen Kategorien nahmen im Vergleich zu den Vorjahren zu. Dieses weitere Anwachsen des Konzertaufkommens setzt die Entwicklung der vergangenen Jahre fort.

RechtsRock_Thüringen_2017

Ursache für den deutlichen Anstieg der RechtsRock-Zahlen in den vergangenen Jahren ist die beständige Zunahme sogenannter Liederabende. Bei diesen Veranstaltungen treten Musiker*innen häufig in kleinerer, intimerer Runde vor ein paar Dutzend Personen auf und singen, unterstützt von einer Akustikgitarre eigene, oft balladenhafte Songs, wie auch bekannte Coversongs und Adaptionen von Liedgut aus der Zeit des Nationalsozialismus. Die Organisation solcher Veranstaltungen ist deutlich einfacher als die Organisation von Konzerten mit Bands. Die zahlenmäßige Entwicklung dieses Formats bestätigt das. Wurden 2007 gerade einmal drei Liederabende von der Mobilen Beratung in Thüringen. Für Demokratie – Gegen Rechtsextremismus (MOBIT) gezählt, waren es im vergangenen Jahr 32. Damit sind Liederabende inzwischen mit 54 Prozent zum wichtigsten Konzertformat geworden. Demgegenüber blieben die Zahlen „normaler“ RechtsRockkonzerte über die Jahre weitgehend konstant.

Wie bereits 2016 fanden auch 2017 in Thüringen fünf Großveranstaltungen in Thüringen statt. Obwohl in langer Tradition, begründen sie gerade in den letzten Jahren die öffentliche Wahrnehmung Thüringens als „Festival- und Erlebnisland“ der bundesdeutschen und teilweise sogar europaweiten RechtsRock-Szene. Zu diesen Veranstaltungen liegen konkrete Angaben zu den Teilnehmendenzahlen vor, weil sie viel stärker im Fokus von zivilgesellschaftlicher Öffentlichkeit, Journalismus und Politik stehen. Sie sind regelmäßig die größten, teilnahmestärksten RechtsRock-Events, wenngleich ihr prozentualer Anteil an der letztjährigen Gesamtkonzertzahl in Thüringen bei unter zehn Prozent liegt.
In aller Munde war in diesem Zusammenhang Themar und besonders das Konzert Rock gegen Überfremdung II am 15.07., zu dem rund 6000 Neonazis verschiedenster, auch gewalttätiger Gruppierungen aus ganz Deutschland und dem europäischen Ausland erschienen waren.

Bedeutung für die Szene

Die unterschiedlichen Formate haben unterschiedliche Funktionen für die Szene und sind auch in Ihrer Bedeutung unterschiedlich zu bewerten. Insbesondere die Konzerte, die vor einem kleinen, bekannten Kreis von Zuhörenden stattfinden, haben hauptsächlich eine festigende Funktion für die Szene. Größere Gewinne dürften mit diesen Veranstaltungen nicht zu erzielen sein. Manchmal beschränkt sich der Teilnehmendenkreis, wie etwa im Gasthaus Goldener Löwe in Kloster Veßra auf eben diejenigen, die aus der Region regelmäßig dort einkehren.
RechtsRock-Konzerte mit mehreren bekannten Bands, wie etwa in Kirchheim dürften eher dem Partybedürfnis der Szene Rechnung tragen. Hier trifft man auch Neonazis aus anderen Teilen der Bundesrepublik, tauscht sich aus. RechtsRock-Konzerte sind eine politische aber auch zuweilen soziale Kontaktbörse. Daneben werden solche Konzerte von der Szene auch als wirtschaftliche Einnahmequelle gesehen. Dies wird besonders durch sogenannte Soli-Parties deutlich, wenn die Einnahmen für z.B. inhaftierte „Kameraden“ oder „nationale Hausprojekte“ generiert werden sollen. Immer wieder ist von Fotografierverboten bei diesen Konzerten zu lesen, was auch hier auf eine eher nach innen gerichtete Bedeutung hindeutet. Hier gibt es offenbar kein Bedürfnis die Veranstaltungen öffentlich darzustellen. Dies gilt insbesondere, wenn strafrechtlich relevante Gesten und Symbole gezeigt werden und so die neonazistische Gemeinschaft nach innen demonstriert werden soll.

Hingegen sind sich die RechtsRock-Szenegänger*innen bei den Großevents über den öffentlichen Charakter meist im Klaren. Die öffentliche Kommunikation der Veranstalter, dass es sich um Kundgebungen handelt, diszipliniert die Teilnehmenden zumeist hinsichtlich verbotener Symbolik, Gesten und sozialadäquaten Auftretens.

Neonazi bei RechtsRock-Konzert
Eindeutiger Verstoß gegen den §86a StGB am 15.07.2017 in Themar

Bei diesen Events mit hunderten oder tausenden Teilnehmenden werden Eintrittsgelder derzeit bis zu 45€ eingenommen. Von einem starken finanziellen Interesse der Veranstalter kann also ausgegangen werden. Sie nehmen teilweise fünf- und sechsstellige Summen ein.

Für die Teilnehmenden stellen diese Großveranstaltungen nicht nur einfache Feiern dar. Die Dynamik, so viele Gleichgesinnte auf engstem Raum zu erleben, darf nicht unterschätzt werden. Es sind Gemeinschaftserlebnisse, die die Selbstverortung und Vergewisserung der Teilnehmenden als Teil einer „Bewegung“ unterstützt und festigt. Und dass das Selbstverständnis dieser „Gemeinschaft“ klar nationalsozialistisch ist, zeigte sich einmal mehr daran, dass im Schutz der Masse an Menschen in Themar am 15.07.2017 dutzendfach der strafbare Hitlergruß, samt „Sieg Heil“-Rufen gezeigt wurde. Zum Einschreiten, trotz starker Präsenz sah sich die Polizei nicht in der Lage, sodass also in großer Öffentlichkeit ein rechtsfreier und nationalsozialistisch geprägter Raum bestand.

Das Rock gegen Überfremdung-Konzert war eine der größten Veranstaltungen dieses Formates. Daneben treten die anderen Großevents in der öffentlichen Wahrnehmung in den Hintergrund. Zu zwei weiteren Veranstaltungen in Themar erschienen ebenfalls rund 1000 Teilnehmende. Zudem fanden auch die langjährig etablierten Veranstaltungen in Leinefelde und Gera wieder statt. Nach sinkendem Zuspruch in den vorangegangenen Jahren konnte der Eichsfeldtag letztes Jahr die zweitbeste Teilnehmendenzahl seiner Geschichte einfahren. Geschätzte 480 Neonazis, teilweise mit Babys und Kleinkindern, besuchten das als Familienfest konzipierte Event. Mehrere der aufgetretenen Bands haben Verbindungen zu dem in Deutschland verbotenen Blood&Honour-Netzwerk. Nach einer zweijährigen Unterbrechung fand 2017 auch wieder ein Rock für Deutschland in Gera statt. Hier versammelten sich rund 820 Neonazis, um das 25jährige Jubiläum der Spremberger Band Frontalkraft zu feiern.
Die zunehmende Anzahl der Großevents und die steigenden Teilnehmendenzahlen in den vergangenen zwei Jahren unterstreichen die Bedeutungen für die neonazistische Szene.

Diversifizierung des Musikangebots

Im zurückliegenden Jahr 2017 fanden zudem wieder mehr RechtsRock-Veranstaltungen außerhalb der „üblichen“ Veranstaltungsorte statt. Wenngleich die übergroße Masse der RechtsRock-Konzerte in den einschlägigen Immobilien wie dem Gasthaus Goldener Löwe, dem Veranstaltungszentrum Erfurter Kreuz und der NPD-Parteizentrale in Eisenach stattfinden, tauchten auch nun auch neue Orte in der Zählung auf. Insbesondere sogenannte Grauzone-Bands spielen nicht unbedingt in den bekannten Neonazi-Locations sondern eher in Musikkneipen oder kommerziell orientierten Veranstaltungsorten. Zum Einen hat sich gesamtgesellschaftlich die Grenze des Sagbaren in den letzten Jahren nach rechts verschoben. Zum Anderen herrschen oft nur diffuse Vorstellungen von dem was „politisch“ oder „unpolitisch“ ist, wofür Meinungsfreiheit gute demokratische Tradition ist und wofür sie nicht missbraucht werden sollte oder was eigene gesellschaftliche Verantwortung ist. Dies gilt sicherlich auch für Veranstalter*innen kommerziell orientierter Musikkneipen und Konzertveranstaltungsorte. Toleranzgrenzen werden bei unklaren Haltungen erst spät erreicht. Wenn sich der eigene Demokratiebegriff auf unbegrenzte Meinungsfreiheit und Mehrheitsentscheide beschränkt wird eine gewisse Nachfrage zu Bands im inhaltlichen Grauzonenbereich zur offenen Tür. Kommerziell orientierte Kneipen oder Konzerthäuser bedienen dann die Nachfrage an vermeintlich unpolitischen Deutschrock, Pagan-Metal oder Oi!-Musik und blenden durchaus problematische Aussagen der Bands in ihren Texten, Interviews oder Facebook-Profilen aus. So entstehen Anknüpfungspunkte auch für offen neonazistische Besucher*innen, die hierbei auf vermeintlich unpolitische Musikhörer*innen treffen und politisch einwirken können.
So erweitert sich das Angebot (extrem) rechter Musik und unterstützt die Entwicklung Thüringens bei den RechtsRock-Konzerten.

Ausblick

Nach Einschätzung von MOBIT dürfte sich das Anwachsen der Zahlen in den nächsten Jahren nicht in gleicher Weise fortsetzen. In der Annahme, dass das extrem rechte Musikgeschäft auch markwirtschaftlichen Prinzipien unterliegt, ist momentan eine Leistungsgrenze in Sicht.

Zu beobachten ist, dass insbesondere die bekannten und beliebten Bands/Musiker, wie etwa Kategorie C/Nahkampf oder Die Lunikoff Verschwörung/Michael Regener mehrfach pro Jahr in Thüringen auftreten. Somit ist hier mit einer Abnutzung der Attraktivität zu rechnen. Ein weiteres Argument sind die Eintrittspreise und Fahrtgeld für das potentielle Publikum. Bei 59 RechtsRock-Konzerten gibt es folglich statistisch jedes Wochenende mindestens ein Angebot für extremrechte Live-Musik. Die meisten davon besuchen zu wollen, kann aufs Jahr gerechnet leicht mehrere hundert Euro an Ausgaben bedeuten. Praktisch finden häufig zwei und mehr Konzerte am selben Tag statt. Hier muss sich das angesprochene Publikum entscheiden. Und auch wenn es zuweilen Anhaltspunkte für eine Koordination der Termine unter den RechtsRock-Veranstaltern gibt, sind bei diesem quantitativen Niveau Konkurrenzen nicht zu vermeiden.
Ein deutlicher Rückgang der Konzertzahlen im Jahr 2018 ist jedoch derzeit nicht anzunehmen, da sich an den notwendigen Voraussetzungen für die RechtsRock-Konzerte momentan erkennbar nichts ändert. Mit den Tagen der nationalen Bewegung und dem Rock gegen Überfremdung III sind zudem bereits die ersten Großevents für das laufende Jahr in Thüringen angekündigt.