Rechtsextremismus Zivilgesellschaftlicher Protest

Teil 6: Zivilgesellschaftliches Engagement in Zeiten von Corona: Das „Aktionsbündnis Zaunrüttlär“ und die Pandemieleugner:innen-Proteste in Arnstadt

Dieser Artikel ist Teil 6 von 7 der Reihe Bündnisse kommen zu Wort

Proteste gegen die Corona-Schutzmaßnahmen fanden seit Frühjahr 2020 Thüringenweit statt. Es zeigte sich zu Beginn des Protestgeschehens ein diffuses Bild in Bezug auf die Protestformen, Teilnehmer:innen und die dahinterstehenden Organisator:innen u.a. von gemeinsamen Eisessen, Autocorsos oder „hygienischen Spaziergängen“. Neben den immer wieder vertretenen Neonazis und extrem rechten Partei-Funktionär:innen fand sich bei den Protesten ein breites Spektrum an Teilnehmer:innen: Von „Reichsbürgern“ über AfD-Klientel bis hin zu Anti-Moschee-Gruppierungen sammelte sich hier eine rechte Mischszene.

Gegen die wiederholt in Arnstadt stattfindenden „Spaziergänge gegen die Corona-Maßnahmen“ setzte das „Aktionsbündnis Zaunrüttlär“ im Frühjahr 2020 mit zahlreichen Aktionen auf die Wichtigkeit gesellschaftlicher Solidarität in der Corona-Krise und erteilte den extrem rechten Positionen eine klare Absage. Mit den angemeldeten und kreativen Kundgebungen der „Zaunrüttlär“ im gesamten Arnstädter Innenstadtbereich kaperten de Engagierten des Bündnisses die „Spaziergänge“ der Pandemie- Leugner:innen die gleichzeitig stattfanden und zwangen diese somit ihre unangemeldeten Zusammenkünfte als Kundgebungen samt Auflagen gemäß Hygieneschutzmaßnahmen anmelden zu müssen. Ein gemeinsamer Stadtrundgang auf Einladung der „Zaunis“ zur Unterstützung der ortsansässigen Händlerinnen und Händler stellte lokale Einkaufsmöglichkeiten vor samt visuellen mutmachenden Botschaften in Form kleiner Geschenke. Überregionales Aufsehen erregte eine Kunstinstallation der „Zaunis“ und der Initiative „Wir für Thüringen“ aus 144 nachgebildeten Särgen verteilt auf dem gesamten Arnstädter Markt am 18.Mai 2020 – zum Mahnen und Erinnern an die Corona-Toten in Thüringen. Die Idee griffen weitere Thüringer Bündnisse wie in Erfurt oder im Wartburgkreis auf. Das „Aktionsbündnis Zaunrüttlär“ versteht sich als Zusammenschluss von Menschen, die sich der antifaschistischen Arbeit verschrieben haben und fest entschlossen sind, durch Recherche, progressive und auch provokante Aktionen, dem Rechtsextremismus in Arnstadt den Kampf anzusagen.

In welchen Kontext sind die Proteste entstanden?

Unsere Proteste entstehen in den meisten Fälle aus Ideen, die wir in geselliger Runde, im gemeinsamen Chat, aus dem täglich Erlebten und den Gesprächen, die wir miteinander führen.

Unser Anspruch ist dann immer, dass wir das Unerwartete machen und das in erster Linie für uns, weil wir wachsen wollen und für uns der Spaß an erster Stelle steht. Das heißt aber nicht, dass wir unser ehrenamtliches Engagement nicht ernst nehmen. Wir sind alle sehr kreative Menschen und das soll sich in unseren Aktionen widerspiegeln und sind wir mal ehrlich, es gibt keinen schöneren Lohn, als dass sich bekennende Faschist:innen und/oder Corona-Leugner:innen angstvoll auf ihren Versammlungen umsehen, was wir diesmal für eine Antwort auf sie haben.

Was waren die Ziele der Proteste?

Wir haben in Arnstadt die besonders unerträgliche Situation gehabt, dass die „Spaziergänger“ nie eine ihrer Versammlungen angemeldet haben, ohne die Einhaltung der Hygieneverordnungen konnten sie durch die Stadt laufen, sich an verschiedensten Orten in der Stadt zusammenfinden oder händchenhaltend im Kreis stehen. dass alles geschah wochenlang unter den Augen der Ordnungsbehörde, man ließ sie einfach gewähren, ohne Auflagen und Kontrolle. Im Gegenteil, allzu oft war die Situation eine völlig bizarre, in dem die Polizei mit Einsatzwagen wild durch die Stadt fuhr, um sie am Ende nur zu begleiten. Das sah dann so aus, dass die „Spaziergänger“ gelaufen und die Beamten hinter ihnen gefahren ist. Dieses Vorgehen war für uns absolut unakzeptabel.

Dieser Zustand musste unbedingt aufhören, also war unser Ziel, dies zu ändern.

Was lief gut und welche Schwierigkeiten gab es?

Wir sind in der glücklichen Lage sagen zu können, dass alle unserer Aktionen gut und positiv für uns gelaufen sind. Das liegt zum einen an unserer Herangehensweise und zum anderen an der Umsetzung. Für Außenstehende wirken wir sehr chaotisch und genau das ist der Schlüssel unseres Erfolges, es ist Stand up, wir bringen ständig ein neues Theaterstück auf die Straße, bei dem keiner seine Rolle üben kann und das macht es so ehrlich.

Was sind Schwierigkeiten…? Nein im Ernst, wir sind ganz klar und bewusst in die Offensive gegangen und das gefällt natürlich nicht jedem, aber das wollen wir ja auch nicht, denn so lange die Menschen über unsere Aktionen sprechen, dann haben sie keine Zeit mehr sich auf schlimmeres zu konzentrieren.

Wie bewertet ihr rückblickend die Proteste?

am besten würde ein Liedtext von OXO 86 unsere Proteste bewerten…

„Wir sind wieder Stadtgespräch Nr.1“

Lieber machen wir auf uns aufmerksam, statt dass die Bürger:innen sich auf Hass und Hetze einlassen.

InhaltverzeichnisZum vorherigen Artikel der Reihe <<< Teil 5: Proteste gegen den Dammbruch: Das Bündnis Auf Die Plätze ErfurtTeil 7: Vernetzung im Kampf gegen die extreme Rechte: Die Bündnisse, Netzwerke und Intiativen gegen Rechts in Thüringen >>> Zum nächsten Artikel der Reihe