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Blick 2/2026: Dokumentation extrem rechter Aktivitäten in Thüringen

Egal ob Neonazis, “Reichsbürger“ oder die AfD – im zweiten Quartal 2026 war der Freistaat wieder Schauplatz zahlreicher extrem rechter Großveranstaltungen. Am ersten Juli-Wochenende zeigte sich aber auch, dass zehntausende Menschen aus der gesamten Bundesrepublik den Bundesparteitag der AfD in Erfurt nicht unwidersprochen lassen.

Das erste Juli-Wochenende zeigte sehr komprimiert, welche Rolle Thüringen mittlerweile für die extreme Rechte spielt. Nicht nur, dass die AfD ihren Bundesparteitag in der Messe in Erfurt durchführte, auch die „Reichsbürger“-Szene mobilisierte hunderte Szene-Aktivisten nach Greiz.

100 Jahre nach dem Parteitag der NSDAP in Weimar fand in Erfurt der Bundesparteitag der AfD statt. Nicht zuletzt dürfte Erfurt auch ein symbolisch bedeutender Ort für die Unterstützer*innen des extrem rechten Politikers Björn Höcke sein, der seit Jahren versucht seinen Einfluss in der extrem rechten Partei weiter auszubauen. Hunderte Delegierte der AfD reisten nach Erfurt, um hier unter anderem den Parteivorstand neu zu wählen. Höcke selbst scheute wie auch schon in der Vergangenheit davor zurück, das sichere Parkett in Thüringen zu verlassen und sich selbst für den Bundesvorstand aufstellen zu lassen. Für den Höcke Flügel rückt der Bundestagsabgeordnete Stefan Möller, seit Jahren Höckes Adlatus in Thüringen, in den Bundesvorstand auf. Damit dürfte Höckes langer Arm in die Bundesparteispitze der extrem rechten Partei weiterhin sehr präsent sein. Der Bundesparteitag der AfD in Erfurt – mit all seiner symbolischen Bedeutung – führte zu zahlreichen Protesten, welche monatelang vorbereitet wurden. In Thüringen war es vor allem das Bündnis Zusammenstehen, welches zahlreiche Kultur- und Bildungsveranstaltungen im Vorfeld und Demonstrationen sowie Kundgebungen in der gesamten Stadt am Aktionstag organisierte. Rund 50.000 Menschen aus ganz Deutschland nahmen an den Protestveranstaltungen der Bündnisse Zusammenstehen und Widersetzen teil und zeigten deutlich, dass die Bundesparteitage der AfD nicht unwidersprochen stattfinden können. Zentrale Forderung der Proteste bleibt auch ein AfD-Verbotsverfahren, um die extrem rechte Partei an einer Machtergreifung und möglicher Abschaffung der Demokratie zu hindern.

Neben der Organisation von Kundgebungen und Demonstrationen durch das lokale Bündnis Zusammenstehen, mobilisierte vor allem das bundesweite Bündnis Widersetzen zu Blockaden des Parteitages, um diesen zu verhindern. Tausende Menschen beteiligten sich auch an diesen Aktionen. Es gab im Laufe des Tages mehrere Versuche, die Zufahrtswege des Parteitages zu besetzen und so den Parteitag zu ver- oder zumindest zu behindern. Der AfD gelang es nur ihren Parteitag ohne Störungen durchzuführen, weil viele Delegierte bereits Stunden vor dem offiziellen Beginn mitten in der Nacht zur Messe gefahren wurden. Was die extrem rechten Kreise der AfD später in den sozialen Netzwerken versuchten als Sieg zu verbuchen, war doch eher ein Eingeständnis, dass ein AfD-Bundesparteitag nicht ohne erhebliche Hindernisse stattfinden kann.

Parallel zum Bundesparteitag der AfD mobilisierte die „Reichsbürger“-Szene zum 9. Mal zum sogenannten Treffen der Bundesstaaten nach Greiz. Die Kundgebung findet mehrmals im Jahr in wechselnden Städten im gesamten Bundesgebiet statt und zuvor bereits zwei Mal in Thüringen. 2024 reisten rund 1.000 Szene-Angehörige nach Gera und 2025 rund 600 nach Weimar. An der Veranstaltung in Greiz nahmen rund 500 Personen teil und es zeigte sich ein weiterer Rückgang der Teilnehmerzahlen. Das Hoch der „Reichsbürger“-Szene im Zuge und Nachgang der Corona-Pandemie scheint vorbei, zurück bleibt- auf hohem Niveau – der harte Kern der Szene.

Bereits 2024 reisten rund 1.000 AnhängerInnen der Szene nach Gera

Großveranstaltungen: Zwischen Neonazismus und fließenden rechten Grenzen

Die Neonazi-Kleinstpartei Der Dritte Weg ist in Thüringen seit Jahren aktiv. Immer wieder führt die Partei mit ihren wenigen Aktivist*innen auch im Freistaat Kleinstaktionen durch. So wurden am Muttertags-Wochenende in Erfurt durch mindestens drei Aktivistinnen Blumen auf dem Domplatz in Erfurt verteilt. Wenige Tage zuvor gab es eine Banneraktion an der Autobahnauffahrt Erfurt West. In den zurückliegenden Jahren war Thüringen immer wieder auch Austragungsort für den zentralen bundesweiten 1. Mai-Aufmarsch der Neonazi-Partei. In den letzten Jahren fanden diese unter anderem in Sonneberg oder Suhl statt. Die Demonstrationen der Neonazis werden erst kurz vor dem Termin bekanntgegeben und eine Mobilisierung erfolgt hier vor allem intern. In diesem Jahr reisten rund 200 Neonazis am 1. Mai nach Gera, um dort ihren Aufmarsch durchzuführen. Trotz der sehr kurzen Vorlaufzeit demonstrierten rund 400 Menschen gegen die extrem rechte Veranstaltung. Im Nachgang löste die Polizei noch eine nicht angemeldete extrem rechte Veranstaltung in Schmölln auf.

Nur einen Tag später, am 2. Mai, führte der Jungeuropa-Verlag sein Verlagstreffen in Kosma bei Altenburg durch. Der Veranstaltungsort ist bereits seit über einem Jahrzehnt als Treffpunkt rechter Organisationen bekannt. Der Jungeuropa-Verlag wird vom Burschenschafter Philip Stein geleitet, der seit Jahren in der extrem rechten Szene, vor allem dem AfD-Vorfeld, aktiv ist. Das Verlagstreffen zeigte, dass es zwischen Neonazi-Szene und selbsternannter Neuer Rechter faktisch keine Grenzen gibt. Hatte man früher aus strategischen Gründen öffentlich noch Abstand gewahrt, wird heute klar, dass dieser immer nur Makulatur war. Neben Neonazi-Funktionären aus der HEIMAT (ehemals NPD) oder militanten neonazistischen Kampfsportaktivisten wie Eric Krempler, der zuvor bei „Knockout51“ in Eisenach aktiv war, waren auch Funktionäre der AfD wie der Erfurter Stadtrat Alexander Töpfer oder der Thüringer Bundestagsabgeordnete Robert Teske vor Ort präsent. Mit Marco K. nahm sogar eine zentrale Figur der aufgelösten extrem rechten Erfurter Hooligan-Gruppe „Jungsturm“ teil.  Im Veranstaltungsort selbst wurde auf verschiedenen Präsentationsflächen den „Ehrenmännern“ gedankt, die das Verlagstreffen „finanziell“ unterstützt haben. Darunter die Thüringer Bundestagsabgeordneten Robert Teske und Torben Braga.

AfD: Weitere Normalisierung und Fokussierung auf Schulen

Seit Jahren versucht die AfD über das Einfallstor der Neutralität auch den Bereich der Bildungspolitik für extrem rechte Ideologie zu öffnen. Im Kern steckt dahinter eine Missdeutung des Begriffs Neutralität, der Schule nicht als Ort demokratischer Bildung beschreibt, sondern helfen soll, eine kritische Auseinandersetzung mit der extrem rechten AfD zu verhindern. [Mehr dazu in der aktuellen Ausgabe der Thüringer Zustände: „Wenn die “schwarze Sonne“ im Klassenzimmer Schatten wirft“] In Thüringen veranstaltete die AfD in den zurückliegenden Monaten gezielt Infostände vor Schulen. Bereits im April führte die Partei einen Stand vor dem Herder-Gymnasium in Nordhausen durch, der vor Ort auf deutlichen Widerspruch stieß. Im Juni bewarb die AfD in Weimar/Weimarer-Land dann gleich eine ganze „Schultour 2026“ vor mehreren Bildungseinrichtungen.

Im parlamentarischen Betrieb zeigte sich auch im zurückliegenden Quartal eine weitere Normalisierung der AfD. Im Juni wurde der AfD-Landtagsabgeordnete Ringo Mühlmann zum Vorsitzenden des Justiz-Ausschusses gewählt. Dies gelang, da sich CDU- und BSW-Abgeordnete enthielten und so trotz Gegenstimmen aus SPD und Linke die Stimmen der AfD ausreichten, um Mühlmann zum Ausschussvorsitzenden zu wählen.

Neonazis und Rassismus vor Gericht

Im zurückliegenden Quartal fanden in Thüringen gleich mehrere umfangreiche Prozesse ihr Ende. Zum einen endete am 1. April das zweite große Verfahren am Oberlandesgericht Jena gegen Mitglieder und Unterstützer der militanten Neonazi-Kampfsportgruppe „Knockout 51“. Bereits während des Verfahrens hatten die Richter entschieden, dass es keine Verurteilung wegen Gründung einer terroristischen Vereinigung geben, sondern die Gruppe nur als kriminelle Vereinigung eingeordnet werde. Neben Kevin N., und Marvin W. wurde auch der langjährige Neonazi Patrick David Wieschke verurteilt. Kevin N., der als zentrale Führungsfigur der Gruppe gilt, wurde zu zwei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Marvin W., der wegen der Mitwirkung beim Waffenbau verurteilt wurde, bekam eine Bewährungsstrafe von drei Jahren. Der Lokalpolitiker Patrick David Wieschke wurde wegen seiner Unterstützung für die Gruppe zu einem Jahr und zwei Monaten auf Bewährung verurteilt. Im Nachgang der Urteilsbegründung kommentierte Wieschke in einem rührseligen Post das „Skandalurteil“ wie folgt: „Zudem müssen wir die vollen Kosten tragen. Das sind jeweils deutlich sechsstellige (!) Beträge und kommt einer Existenzvernichtung gleich. Zu allem Überfluss soll ich weitere 2.000 Euro an die Krebshilfe zahlen. Das spricht allem Hohn“. Die Urteile sind noch nicht rechtskräftig.

Ende Mai verurteilte das Landgericht Erfurt mehrere Männer im Alter zwischen 18 – 22 Jahren wegen eines Brandanschlages auf eine Geflüchteten-Unterkunft im Ilmenauer Ortsteil Gehren im September 2025. Die Täter hatten zunächst die Fensterscheibe eines beleuchteten Zimmers mit einem Stein eingeworfen und warfen anschließend eine brennende Feuerwerksbatterie hinein. Drei Bewohner der Unterkunft flohen vor den Explosionen aus dem Zimmer. Eine Frau verletzte sich bei einem Sprung in Panik aus dem Fenster. Die Tat wurde durch die Täter gefilmt. Auf dem Weg zu dem Brandanschlag hörte die Gruppe RechtsRock, darunter mindestens ein Lied der Neonazi-Band Landser. Der Haupttäter wurde wegen Brandstiftung, Körperverletzung und anderen Taten zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren und zehn Monaten verurteilt; zusätzlich ordnete das Gericht seine Unterbringung in einer Entziehungsanstalt an. Ein weiterer Angeklagter erhielt eine zweijährige Bewährungsstrafe, während die übrigen Beteiligten zu Bewährungsstrafen beziehungsweise Verwarnungen verurteilt wurden. Das Gericht bewertete die Tat als eindeutig rassistisch und rechtsextrem motiviert und stellte fest, dass die Angeklagten den Angriff gemeinschaftlich geplant und durchgeführt hatten. Die Urteile sind teils noch nicht rechtskräftig.

Gleichzeitig mit der Verhandlung zu dieser schweren menschenverachtenden Straftat sorgte eine weitere Abschaffung demokratiefördernder Strukturen im Ilmkreis für Empörung. Ein Antrag der AfD-Fraktion im Kreistag führte gemeinsam mit weiteren Stimmen demokratischer Parteien bzw. Enthaltungen zu einer sofortigen Beendigung der Unterstützung von lokalen Demokratie-Förderprojekten durch das Bundesprogramm „Demokratie leben!“. 

Ein neuerlicher Antrag soll eine Wiederaufnahme der Förderung im Landkreis bis zum Ende des Jahres ermöglichen.

Fazit

Thüringen ist und bleibt seit Jahren eine zentrales Aktionsfeld der extrem rechten Szene in jeder Ausprägung. Die Proteste gegen den AfD-Bundesparteitag haben aber gleichzeitig gezeigt, dass eine aktive Zivilgesellschaft in Thüringen existiert, die es vermag zehntausende Menschen zu mobilisieren.